Wie alles begann...

 

Vorschlag zur Gründung gewerblicher Versammlungen der Müller

Originalabschrift

Wir leben in dem Zeitalter des Fortschrittes, in einer Zeit, wo alles vorwärts schreitet und jeder Stillstand dem Rückschritt gleich kommt. Es hilft nichts, daß wir uns damit entschuldigen: „Wir können es nicht so machen, wie Andere, unsere Verhältnisse sind nicht derart,“ wir müssen, und kostet es uns auch Opfer, vorwärts, weil wir es sonst später schmerzlich empfinden würden, aus Mangel an Strebsamkeit dem Fortschritt uns verschlossen zu haben; denn die Konkurrenz der freien Arbeit, die allerwärts in Deutschland immer mehr und mehr Boden gewinnt und die mit ihr eng verschwisterte Freizügigkeit, deren allgemeine Einführung auch nur noch eine Frage der Zeit ist, werden jedem Deutschen überall in seinem ganzen Vaterlande, wo er nur will, es gestatten, mit seiner Hände ehrlichen Arbeit frei und ungehindert sein, Brot zu verdienen, und dann wird die Zeit gekommen sein, wo nur der bestehen kann, welcher die beste Arbeit liefert und wo der vom Schauplatz abtreten muß, dessen Arbeit hinter den gesteigerten Anforderungen der Zeit zurückgeblieben, den Stempel der Mittelmäßigkeit trägt.

 

Hierin liegt aber keine Ungerechtigkeit der Zeit; denn wenn sie die Anforderungen an die Arbeit stellt, so gibt sie auch die Mittel an die Hand, durch welche es möglich wird, diesen Anforderungen zu genügen. Wir müssen von diesen Mitteln nur Gebrauch machen. Welche Fülle geistiger und technischer Bildung bieten nicht unsere jetzigen Real- und Gewerbeschulen, unsere polytechnischen Lehranstalten, unsere gewerblichen Fortbildungsvereine mit ihren gewerblichen Fortbildungsschulen, die zahlreichen technischen Journale, deren fast jedes Blatt von einem neuem Fortschritt auf dem Gebiete der technischen Wissenschaften und der gewerblichen Technik berichtet und die alljährlich immer zahlreicher auftretenden Industrieausstellungen dar! Und sollen wir noch des Genossenschaftswesen, der Kredit- und Vorschussvereine Erwähnung thun, die es auch dem minder Bemittelten möglich machen, in den Besitz nicht nur guter Werkzeuge und Arbeitsmaschinen, sondern auch der stets neuesten Muster und Modelle und eines guten Arbeitmaterials fast in allen Branchen der gewerblichen Technik zu gelangen!

 

Das sind solche Mittel, die uns die Zeit bietet, um ihren Anforderungen an die Arbeit gerecht zu werden.

Aber wir haben noch eines zu erwähnen vergessen und es dünkt uns, es ist dies nicht eins der geringsten, wir meinen nämlich den Zusammentritt der Fachgenossen zu regelmäßig wiederkehrenden, gewerblichen Versammlungen. Leider haben Gewerbe in dieser Beziehung anderen Genossenschaften den Vortritt gelassen. Künstler, Sänger, Turner, Verwaltungsbeamte, Juristen und Advokaten, Journalisten, Kaufleute, Landwirthe, Bienenzüchter und Arbeiter halten ihre Versammlungen, auf denen sie, was für sie von wesentlichen Interesse ist, gemeinschaftlich berathen; aber Versammlungen von Genossen spezieller Gewerbe sind, unseres Wissens wenigstens, jenen noch nicht gefolgt – auch nicht von Seiten der Genossen der Müllerei.

 

Und doch wie heilsam müßten auch für diesen Zweig der Gewerbsindustrie derartige Versammlungen sein! denn gestehen wir es nur ein, es ist in der deutschen Müllerei nicht überall so, wie es eben sein sollte und könnte. Denn ein guter Theil der deutschen Müller, mit Vorliebe an dem Althergebrachten festhaltend, ging von jeher nur ungern und spärlich auf die Erfindungen und Verbesserungen ein, welche im Mühlwesen in England, Frankreich und Nordamerika schon seit Jahren gemacht wurden; ein anderer besaß zu deren Einführung nicht die hinreichenden Geldmittel, und wieder ein anderer Theil hatte von ihnen vielleicht nicht einmal Kenntniß erhalten; nur verhältnißmäßig wenige Müller haben sie in ihrem ganzen Umfange eingeführt und sind mit der Zeit rüstig vorwärts geschritten. Der Müller befand sich allerdings früher bei der alten deutschen Müllerei recht wohl, er hatte, mit wenigen Ausnahmen, vollauf zu thun und daher auch guten Verdienst. War das Mehl auch nicht immer so gut, so schadete es eben nichts, man nahm es, weil kein besseres zu bekommen war. Welchen Zweck hätte unter diesen Umständen auch die Einführung kostspieliger Neuerungen und Verbesserungen haben können? Nun es aber mittlerweile anders geworden ist, und das Kapital die Müllerei in ihrer jetzigen so gründlich verbesserten Gestalt in seine Dienste genommen hat, und der Kleinmüllerei eine nicht zu besiegende Konkurrenz in Qualität und Menge des Mahlguts entgegenstellt, klagt die letztere jenes an, obwohl es doch nur das gethan hat, wegen dessen Unterlassung sie selbst mit Recht getadelt werden muß. Hätten früher die Müller mehr Unternehmungsgeist an den Tag gelegt, hätten sie sich zur Umgestaltung und Verbesserung ihrer alten Werke entschließen können und wären sie rechtzeitig von der alten deutschen Lohnmüllerei zur Handelsmüllerei übergegangen, hätten sie sich mit einem Worte, dem Fortschritt angeschlossen, so fühlten sie jetzt nicht die empfindlichen Folgen jener übergroßen Konkurrenz, die ihnen ihren Broterwerb schmählert, wo nicht streitig zu machen sucht.

 

Dies alles ist nun aber einmal nicht mehr zu ändern; es fragt sich jetzt nur, wie dem Müllergewerbe wieder aufzuhelfen ist. Ohne Zweifel ließ sich hierüber sehr viel schreiben; viel besser aber wäre es, wenn man sich hierüber mündlich ausspräche und zwar in Versammlungen, an denen jeder Müller theilnehmen, seine Ansichten äußern und begründete Vorschläge zur Besserung machen könnte, wo der Eine erfahren würde, was in der Mühle des Anderen sich als heilsam bewährt oder als untauglich erwiesen hat, welche wirthschaftlichen Fortschritte in der Müllerei hier und da gemacht worden sind, welche Vervollkommnung diese und jene Maschinen erfahren und welche Erfolge die betreffenden Müller damit erzielt haben. Wollte man z. B. in wirthschaftlicher Beziehung zur Besprechung anregende Themas in einer solchen Versammlung aufstellen, so könnten sie unter vielen anderen vielleicht folgende sein:

 

  1. Wäre es nicht zeitgemäß und für alle Betheiligten von praktischem Nutzen, die Lohnmüllerei, wo es angeht, ganz aufzugeben und nur Handelsmüllerei zu treiben?
  2. Wäre es nicht möglich, durch Errichtung von Vorschusskassen, dem kleinen Müller die Mittel zum Betriebe der Handelsmüllerei zu gewähren?
  3. Erhöhung des Mahllohnes, wo Lohnmüllerei beibehalten werden muß und Umänderung der bisherigen Naturalmeße in einen unveränderlichen, für jede Getreidesorte bestimmten baaren Mahllohn.
  4. Möglichste Verbreitung einer Mühlengewerbszeitung, wozu sich die in Leipzig erscheinende Zeitschrift „Die Mühle“ besonders empfehlen dürfte.
  5. Vorschläge zur Errichtung von Provinzial- oder Bezirksvereinen zur Verwirklichung und weiteren Bekanntmachung der auf den Hauptversammlungen gepflogenen Verhandlungen und gefassten Beschlüsse.
  6.  Aufträge an geeignete Mitglieder, über neue Erfindungen und Einrichtungen in den Mühlen Versuche anzustellen, und über deren Resultate zu berichten.

 

Zu welch einem segensreichen Austausch von Ideen und praktischen Erfahrungen müssten sich solchen Versammlungen gestalten, wo die Fachgenossen des Mühlengewerbes über diese und ähnliche Gegenstände in gründliche und allseitige Berathung treten könnten! Und nun erst, wenn man mit diesen Versammlungen auch noch eine Ausstellung der neuesten Maschinen im Gebiete der Müllerei, eine Ausstellung sämtlicher Erzeugnisse des Mühlenbetriebes, des inländischen wie des ausländischen, in reichhaltiger Auswahl verbände? Dann würde der Einzelne, wenn er eingehende Vergleiche unter den ausgestellten Proben machte, sehr bald ins Klare darüber kommen, was in seinem Mühlenbetrieb noch mangelhaft ist und in welchen Beziehungen er hinter seinen Kollegen noch zurücksteht und die Qualitäten der ausgestellten Mehl- Grieß- und Graupenproben u. s. w. würden ihm nicht nur über den Werth der verschiedenen Mahlsysteme, sondern auch über den der verschiedenen zur Ausstellung gebrachten Maschinen, Steine, und Schärfungsmethoden Aufschluss geben. Reifere Anschauungen und thatkräftigen erfolgreichen Wetteifer müsste jeder Genossen aus der Ausstellung mit in seine Heimath fortnehmen.

 

Wer könnte also noch zweifeln an den wohlthätigen und tief eingreifenden Folgen, welche derartige mit gewerblichen Ausstellungen verbundene Versammlungen auf das Gewerbe der Müller äußern würden? Darum, obwohl schon früher wohlwollende und einsichtsvolle Männer sich leider vergebliche Mühe gegeben haben, gewerbliche Versammlungen der Müller ins Leben zu rufen, stehen wir doch nicht an, diese Idee von Neuem in unseren Fachgenossen wach zu rufen und sie zu deren thatsächlichen Ausführung recht eindringlich und wohlmeinend aufzufordern, in der festen Überzeugung, daß nur der auf Gegenseitigkeit, auf praktische Erfahrung und reelle Kenntnis gegründete persönliche Austausch der Ideen zum gedeihlichen Fortschritt führen und vor Rückschritt in aller Zeit erfolgreich sicher stellen kann.

 

Die Losung des Müllers ist heut zu Tage ist „Vorwärts;“ wer also nicht zurück, sondern vorwärts will, der lerne, was ihm fehlt, mache sich die Erfahrungen, die Erfindungen und Verbesserungen Anderer in seinem Fache zu Nutze und strebe nicht nur nach Vermehrung eigner Tüchtigkeit, sondern überhaupt auch nach Hebung und Förderung des Gesamtinteresses aller Fachgenossen.

 

Und damit sei unser Vorschlag unsern Fachgenossen zur wohlwollenden Beherzigung, aber auch zur gründlichen und allseitigen Prüfung bestens empfohlen.

 

 

Nachschrift der Redaction

 

Wir begrüßen die ausgesprochene Idee des Herrn Verfassers mit großer Freude. Können wir uns auch nicht zu den praktischen Fachgenossen des Mühlengewerbes rechnen, so verfolgen wir doch mit nicht geringerm Interesse alle Erscheinungen auf dem Gebiete dieser Industrie, welche zum Fortschritt anregen und zum Besseren führen.

 

Der Fortschritt beruht aber auf Wahrheit und diese wird stets als Preis dar gewonnen, wo der Austausch entgegengesetzter Ansichten schließlich zum Ausgleich führt. Darum rufen wir dem Streben nach dem vorgesteckten Ziele unser herzliches „Glück auf“ entgegen, indem wir uns der Hoffnung hingeben, daß unser Zuruf recht bald für das jugendliche Unternehmen zum glückverheißenden Morgengruß aller Fachgenossen werden möge. Es wäre jedenfalls sehr wünschenswerth, wenn die Herrn Müller über diese wichtige Angelegenheit in der Mühle sich selbst ausführlich aussprächen. Wenn wir hierzu recht inständig einladen, und hierauf bezüglichen Zusendungen baldigst entgegensehen, bemerken wir noch, daß wenn der Vorschlag des Herrn Verfassers Beifall finden sollte, eine Anzahl von Fachgenon [Fachgenossen] aus den Mühlen Leipzigs und der Umgegend gern bereit sind, vor der Hand zu einem provisorischen Comité behufs der Ergreifung vorläufiger Maßnahmen zusammenzutreten. L.A.