Mühlengebäude vor dem Umbau

Abbruch des Getreidesilos

Foyer nach dem Umbau, mit dem alten Paternoster, einem Miag-Walzenstuhl und im Hintergrund ein Durchblick zur Turbinenanlage

Mühlengebäude nach dem Umbau

Fiktiver Brief an Carl Jakob Kraemer, der 1863 die Tradition der Müllerfamilie Kraemer in München begründete

 

Lieber Carl Jakob,

es würde uns brennend interessieren, was Du von uns denkst. Im Jahre 1863 hattest Du die alte Papiermühle hier am Auer Mühlbach in München gekauft und in eine Getreidemühle umgebaut. Eineinhalb Jahrhunderte später stehen wir auf dem Mühlenhof und schauen gebannt hinauf zum hohen Getreidesilo. Gleich wird die große Zange des gelben Liebherr-Abbruchbaggers in das noch unversehrte Mauerwerk des Silos beißen. Wir haben nach 144 Jahren unseren Mühlenbetrieb stillgelegt.

 

Bist du von uns enttäuscht, dass wir die von Dir begonnene Mühlentradition beendet haben? Oder bist Du stolz auf uns, dass wir unternehmerisch rational handeln, indem wir unsere Immobilie zukünftig vermieten und damit das wirtschaftliche Fortbestehen der Familie an diesem Standort sicherstellen?

Genau 144 Jahre haben Du und später Deine Kinder, Enkel, Ur- und Ururenkel hier mit Ihrem Herzblut eine Mühle betrieben. Sie erlebten den Ersten Weltkrieg, dann die Inflation mit Bäckern, die Waschkörbe voller Geld brachten, später die komplette Zerstörung des Gebäudes durch Fliegerbomben im Jahre 1944. Es folgte der sofortige Wiederaufbau und die Entwicklung zu einer der zehn größten Mühlen in Bayern, immer vor dem Hintergrund eines stetig wachsenden Münchens mit seiner Vielzahl an Bäckereien. Doch die Zeiten haben sich geändert.

 

Die Anzahl der Mehlabnehmer verringerte sich zunehmend. Konnte man zu Deinen Lebzeiten fast an jeder Straßenecke eine Bäckerei finden, so waren es 1960 noch 400 und im Jahre 2007 nur noch 54 backende Betriebe. Zwar kann man jetzt überall in München Gebäck kaufen, doch handelt es sich meist um Filialen von einigen wenigen Großbetrieben. Diese Konzentration in der Backwarenindustrie hatte einen zunehmenden Druck auf den Mehlpreis zur Folge. Verstärkt wurde dies auf Seiten der Mühlen durch den Trend zu immer größeren, effizienteren Betriebsstätten. Und um als Mühlenbetrieb mit Gewinn arbeiten zu können, erforderte dies laufend kostspielige technische Erneuerungen. So fehlten uns zum Beispiel Kapazitäten bei den Mehlsilos, ein Chargenmischer und eine zeitgemäße Mehlverladung.

 

Auch die für die Kalkulation so wichtige Rohstoffbeschaffung hatte sich inzwischen für unseren Standort im Stadtgebiet München zunehmend verschlechtert. Beim Einkauf waren wir fast ausschließlich auf den Getreidehandel angewiesen. Konkurrenzmühlen außerhalb der Großregion München sparten sich durch den Direkteinkauf beim Landwirt die Handelsspanne, hatten dadurch eine bessere Gewinnsituation und konnten diesen Vorteil zur Expansion nutzen, was den Wettbewerb am Mehlmarkt weiter verstärkte.

 

Du kannst Dir sicher vorstellen, dass uns die Situation sehr bedrückte, da wir wussten, dass wir mittelfristige eine Lösung finden mussten. Unsere finanzielle Ausstattung war nach wie vor gesund, aber die jährlichen Gewinn- und Verlustrechnungen fielen teilweise sehr bescheiden aus oder drehten nur mit Hilfe der Stromerlöse aus der Wasserkraft und den Mieteinnahmen in ein Plus. Die Aussicht, dass durch weitere Verschlechterungen der Marktsituation Vermögensverluste nicht auszuschließen waren, gab genug Anlass zum Nachdenken. Im Klartext bedeutete das die konkrete Überlegung, den Mühlenbetrieb aufzugeben.

 

Kern der intensiven internen Diskussionen war, Firma und Standort zu erhalten, sehen wir uns doch als Familienunternehmen, als Glied einer langen Kette. Die Zukunftsfähigkeit sollte nach einem umfassenden Umbau der Gebäude durch die anschließende Vermietung gesichert werden. Somit wurde es schließlich Realität: Nach der letzten Vermahlung am 31.Juli 2007 standen die Walzenstühle Deiner Kraemer’schen Kunstmühle nach 144 Jahren endgültig still.

 

Heute, neun Jahre nach der Stilllegung, schauen wir wieder hinauf zum inzwischen umgebauten Mühlengebäude. Wir haben moderne Büroflächen geschaffen, die aber trotzdem die Geschichte der Mühle nicht verleugnen. Unsere Mieter sind Werbeagenturen, ein Kindergarten, eine Kaffeerösterei, Architekten, Fotografen und Ingenieure, die sich allesamt unter dem Dach der Tradition einer alten Mühle sehr wohl fühlen. Darauf sind wir ein bisschen stolz und wir sind davon überzeugt, für unser Familienerbe die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

 

Wir hoffen sehr, dass auch Du für diesen schweren Schritt, die Geschichte unserer Familie in der Müllerei zu beenden, Verständnis hast,

 

Dein Urenkel Thomas und Dein Ururenkel Markus